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19. Januar 2026

  • Autorenbild: Philippe Selot
    Philippe Selot
  • 19. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Dieses Wochenende brachte eine willkommene Pause. Deniz kam mich besuchen. Am Samstagmorgen ging er in den Garten, um das letzte Gemüse der Saison zu ernten: Lauch und Federkohl. Da noch ein Kürbis übrig war, bereiteten wir eine hausgemachte Suppe zu. Am Nachmittag wagte ich sogar eine kurze Ausfahrt mit dem Trottinett, um ein paar Einkäufe zu erledigen, selbstverständlich mit der wertvollen Hilfe von Deniz. Alles verlief gut, und die Wohnung auch nur für kurze Zeit zu verlassen, tat mir sehr gut.Ich nutzte die Gelegenheit, um alles für ein Käsefondue einzukaufen. Am Abend genossen wir diesen grossen Winterklassiker: eine Moitie-Moitie aus Freiburger Vacherin und Gruyère, begleitet von einer Flasche Saint-Saphorin. Ein einfacher, warmer und fast therapeutischer Moment, der Beweis, dass Erholung auch durch kulinarischen Genuss stattfindet.

 

Am Tag nach dem hart umkämpften und heftig diskutierten Finale des CAN 2025, bei dem sich die marokkanische Nationalmannschaft dem Senegal geschlagen geben musste, erhielt ich eine eher unerwartete WhatsApp-Nachricht. Sie stammte vom Sohn des Besitzers des Campingplatzes Atlas View in der Nähe von Ouarzazate. Ouarzazate liegt südlich des Hohen Atlas, dort, wo die Landschaft allmählich in eine aride, beinahe wüstenartige Natur übergeht. Im Sommer liegen die Temperaturen regelmässig bei rund 40 °C, Niederschläge sind selten, um nicht zu sagen fast nicht vorhanden. Dieses extreme Klima ist auch einer der Gründe, weshalb dort NOOR angesiedelt wurde, das weltweit grösste Solarkraftwerk – ein Symbol für eine Region, die sich der Energie der Zukunft zuwendet.Mein Aufenthalt auf dem Camping Atlas View war ohne jeden Zweifel der angenehmste Moment meiner gesamten Marokko-Reise (siehe Blogeintrag vom 18. Reisetag, 3. Mai 2024). Den Kontakt zur Besitzerfamilie aufrechtzuerhalten, bereitet mir immer grosse Freude. Die Nachricht enthielt überraschende Fotos: In der Region war Schnee gefallen. Ein für diese traditionell trockene und wüstenartige Gegend völlig ungewöhnliches Wetterereignis. Es versteht sich von selbst, dass die Gebäude nicht für solche Temperaturen ausgelegt sind, ebenso wenig wie die Bewohner über geeignete Kleidung für winterliche Bedingungen verfügen. Doch wie so oft hat jede Medaille zwei Seiten oder eine helle Seite. Marokko leidet derzeit unter einem besorgniserregenden Wassermangel; viele Baum Plantagen sind ausgetrocknet. In diesem Kontext ist dieser Schnee ein unerwarteter Segen: ein ebenso seltener wie wertvoller Wasserzufluss. Ein weiterer Beweis dafür, dass selbst in den trockensten Regionen die Natur manchmal zu überraschen weiss und daran erinnert, dass sie letztlich immer das letzte Wort hat. Ein im Internet gefundenes Foto ist dabei besonders aussagekräftig: Es zeigt eine Satellitenaufnahme Marokkos im Januar 2025 im Vergleich zu jener vom Januar 2026. Der Unterschied ist frappant. Innerhalb eines Jahres wirkt die Landschaft deutlich grüner, fast so, als hätte die Natur nach langer Zurückhaltung wieder Farbe angenommen. Diese aus der Vogelperspektive aufgenommene Aufnahme bestätigt, was der jüngste Schneefall vor Ort bereits erahnen lässt: Trotz rauem Klima und anhaltender Trockenheit beginnen die zusätzlichen Wasserzufuhr Wirkung zu zeigen. Die Vegetation kehrt zurück, dort wo vor einem Jahr noch ockerfarbene und staubige Töne dominierten. Ein starkes visuelles Signal dafür, dass sich natürliche Gleichgewichte rasch verändern können, wenn die Bedingungen stimmen und dass ein einfacher Wetterumschwung manchmal einer ganzen Region neue Hoffnung geben kann.

 

Die Rekonvaleszenz zu Hause verläuft insgesamt gut, auch wenn sie nicht ganz frei von kleinen Hindernissen ist. Die Schmerzen sind nahezu nicht vorhanden, abgesehen von anhaltendem Juckreiz rund um die Narben. Laut Fachpersonen ein eher ermutigendes Zeichen, auch wenn es im Alltag deutlich weniger angenehm ist.

 

Erwähnenswert ist zudem ein wichtiger Schritt in dieser Erholungsphase: Ich habe sämtliche Schmerzmedikamente abgesetzt, die mir im Spital verschrieben worden waren. Da die Schmerzen inzwischen minimal und gut erträglich sind, erschien es mir weder sinnvoll noch angebracht, mich ohne wirkliche Notwendigkeit weiter «mit Chemie vollzupumpen». Eine bewusste Entscheidung, im Einklang mit meinem Körpergefühl, und Teil eines aufmerksameren und massvolleren Umgangs mit der Genesung.

 

In der vergangenen Woche suchte ich zweimal die Wundspezialistin auf, die die Narben gründlich gereinigt hat. Eine davon zeigt eine leichte Entzündung, jedoch ohne besorgniserregenden Charakter. Die Narbe, die einen erneuten Spitalaufenthalt erforderlich gemacht hatte, ist hingegen vollständig verheilt. Die Fäden konnten entfernt werden, was einen wichtigen Meilenstein auf diesem Weg darstellt. Der Gips bleibt jedoch ein aufgezwungener Begleiter, der rund um die Uhr getragen werden muss. Er ist mitunter mühsam, und auch wenn die Ziellinie noch ein gutes Stück entfernt ist, bleibt sie sichtbar: Noch etwa zwei bis zweieinhalb Monate, bis ich mich endgültig davon verabschieden kann.

 

Heute Morgen gehe ich erneut zum Gipsspezialisten, der mich seit Beginn dieses langen Abenteuers begleitet. Sehr kommunikativ versteht er es, jede Konsultation in einen echten Moment des Austauschs zu verwandeln. Diese Termine sind alles andere als Routine, sondern stets lebhaft und anregend. Angesichts des aktuellen geopolitischen Kontexts überlasse ich es Ihrer Vorstellungskraft, sich den Inhalt unserer Gespräche auszumalen, während er meinen neuen Gips mit grosser Präzision formte. Der Gips nimmt Gestalt an, die Gedanken fliessen, und die Zeit vergeht erstaunlich schnell. Vorher entfernte er die Fäden der grossen Narbe, eine Aufgabe, die sich als komplexer erwies als erwartet. Die Nähte waren nicht besonders praktisch für eine spätere Entfernung angelegt, weshalb die Knoten geduldig gesucht werden mussten. Eine heikle Arbeit, die nicht ganz ohne Folgen blieb: Die Narbe öffnete sich teilweise erneut. Grund zur Sorge besteht jedoch nicht. Der Spezialist wird den Chirurgen darüber informieren, um eine angemessene Nachkontrolle sicherzustellen. Eine weitere kleine Episode auf diesem Genesungsweg, der daran erinnert, dass Heilung selten geradlinig verläuft, sondern vielmehr ein Weg ist, gespickt mit Anpassungen, angeregten Gesprächen … und neuen Gipsen.




 
 
 

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