16. September 2026

Vor zwei Wochen bekam ich Besuch von René, meinem Motorradkollegen aus Köln, der inzwischen in Berlin lebt. Er verbrachte eine Woche bei mir. René ist übrigens an meinen Motorradabenteuern nicht ganz unschuldig: Vor einigen Jahren schenkte er mir jenes Buch, das in mir den Wunsch weckte, eine längere Reise mit dem Motorrad zu unternehmen. Mehr dazu findet ihr unter «Über mich» auf der Startseite dieses Blogs. Man sieht also: Ein Buch zu verschenken kann manchmal Folgen haben, mit denen man nicht unbedingt gerechnet hat!
Sein Besuch war gleichzeitig eine ausgezeichnete Gelegenheit, meine neu gewonnenen Gehfähigkeiten auf die Probe zu stellen. Nach mehr als drei Jahren mit Operationen, langen Phasen der Immobilisation und verschiedenen Hilfsmitteln war es an der Zeit herauszufinden, wozu mein Bein tatsächlich wieder fähig ist.
Der erste Test führte uns in den Tierpark Bern. Wir begannen vorsichtig mit einem Besuch dort. Dabei ging es nicht nur darum, die Tiere zu sehen, sondern vor allem darum herauszufinden, ob ich wieder eine gewisse Strecke zu Fuss zurücklegen konnte.
Das Ergebnis war sehr ermutigend. Am Fuss hatte ich keine nennenswerten Schmerzen. Meine Muskeln hingegen erinnerten mich ziemlich schnell daran, dass sie mehr als drei Jahre Zwangsferien hinter sich hatten. Von der Vorstellung, plötzlich wieder arbeiten zu müssen, schienen sie entsprechend wenig begeistert zu sein.
Wir besuchten ebenfalls den Botanischen Garten in Bern. Im klassischen touristischen Sinn vielleicht nichts Spektakuläres, aber dennoch immer wieder faszinierend, wenn man sieht, welche Vielfalt an Pflanzen, Klimazonen und Landschaften auf einer relativ kleinen Fläche vereint ist.
Dann kam der eigentliche Test. Nachdem diese ersten Ausflüge ohne Schmerzen verlaufen waren, beschlossen wir, uns an ein deutlich anspruchsvolleres Projekt zu wagen: eine Wanderung durch die Areuseschlucht zwischen Noiraigue, am Fuss des Creux du Van, und Boudry in der Nähe des Neuenburgersees. Ich kannte diese wunderschöne Wanderung noch nicht, hatte aber schon oft davon gehört. Die Wetterbedingungen waren ideal. Also fuhren wir mit dem Auto nach Noiraigue und machten uns von dort zu Fuss auf den Weg Richtung Boudry.
Die Wanderung ist grundsätzlich relativ einfach, aber die Umgebung ist schlicht wunderschön. Die Landschaft, die Schlucht und das Flussbett bieten eine spektakuläre Kulisse. Zu meiner grossen Überraschung verlief während des ersten Teils alles bestens. Etwa auf halber Strecke legten wir im Restaurant La Truite (Die Forelle) bei Champ du Moulin eine wohlverdiente Pause ein. Bis dahin war ich ziemlich zuversichtlich. Vielleicht sogar etwas zu zuversichtlich.
Ich war nämlich davon ausgegangen, dass der zweite Teil einfacher sein würde. Das erwies sich als leichte Fehleinschätzung. Der Weg führt dem Hang der Schlucht entlang, steigt an, fällt wieder ab, steigt erneut und führt dann wieder hinunter. Stellenweise ist er schmal und vor allem gibt es zahlreiche Treppen. Treppen hinaufzusteigen ist für mich bereits nicht ideal. Sie hinunterzugehen ist jedoch noch wesentlich schwieriger. Da mein Sprunggelenk inzwischen versteift ist, kann es die natürliche Bewegung beim Abwärtsgehen nicht mehr mitmachen. Mit anderen Worten: Dieser wunderschöne Wanderweg verwandelte sich allmählich in eine Art Trainingsparcours, den ich ganz bestimmt nicht bestellt hatte.
Schliesslich verliessen wir den Wanderweg und gingen auf der Strasse weiter. Das war wesentlich einfacher, auch wenn Asphalt natürlich deutlich weniger Charme bietet als die Areuseschlucht. Doch auch die Strasse hielt noch eine Überraschung für uns bereit: Sie führte hinauf in die Höhen oberhalb von Boudry. Immerhin wurden unsere Anstrengungen mit einer herrlichen Aussicht über den Neuenburgersee und auf die Alpen belohnt. Doch wo es hinaufgeht, geht es meistens irgendwann auch wieder hinunter. Also mussten wir wieder ins Dorf hinabsteigen, nur um dort festzustellen, dass sich der Bahnhof, von dem aus wir den Zug zurück zu unserem Auto nehmen wollten, ausgerechnet wieder oben auf der anderen Seite der Schlucht befand. Spätestens in diesem Moment wird Humor zu einer besonders wertvollen Eigenschaft.
Wir entschieden uns dafür, lieber intelligent als heldenhaft zu sein. Nach einem erfrischenden Getränk im Dorfzentrum nahmen wir den Bus hinauf zum Bahnhof. Insgesamt waren wir mehr als 14 Kilometer zu Fuss unterwegs gewesen!
Natürlich war ich völlig erschöpft. Nach mehr als drei Jahren mit sehr wenig körperlicher Aktivität war das nicht wirklich überraschend. Doch das Entscheidende war etwas anderes: Trotz dieser Distanz und einer teilweise recht anspruchsvollen Strecke hatte ich praktisch keine Schmerzen im Fuss.
Für mich war das eine ausgezeichnete Nachricht und vor allem ein wichtiger Meilenstein. Nach allem, was in den vergangenen Jahren passiert ist, bedeutet es für mich sehr viel mehr als nur eine erfolgreiche Wanderung, wieder 14 Kilometer zu Fuss zurücklegen zu können. Es ist ein kleines Stück wiedergewonnene Freiheit. Am nächsten Tag liess der Muskelkater allerdings nicht lange auf sich warten und erinnerte mich daran, dass gewisse Muskeln seit mehr als drei Jahren nicht mehr wirklich gearbeitet hatten.
Letzten Sonntag fuhr ich René zum Flughafen Basel. Anstatt anschliessend direkt nach Bern zurückzufahren, setzte ich meine Reise nach Strassburg und danach nach Stuttgart fort, wo ich ehemalige Freunde wiedertraf.
Die Rückfahrt in die Schweiz war deutlich weniger romantisch. Von der deutsch-schweizerischen Grenze bei Schaffhausen bis praktisch nach Bern hatte ich den Eindruck, durch einen einzigen, endlosen Stau zu fahren. Offenbar hat die Schweiz beschlossen, sämtliche Autobahnen gleichzeitig zu renovieren. Für zukünftige Generationen ist das zweifellos eine ausgezeichnete Sache. Für die heutigen Autofahrer ist es vor allem eine hervorragende Übung in Geduld.
Am Sonntag kehrte auch Deniz aus seinen Ferien bei seiner Familie in der Osttürkei zurück. Am Montag begann er sein zweites Ausbildungsjahr, mit zahlreichen guten Vorsätzen und Ideen, wie er sein Studium optimieren möchte. Nun bleibt abzuwarten, wie viele dieser guten Vorsätze den Alltag überleben werden. Die Erfahrung zeigt jedenfalls, dass seine Motivation nach den Ferien jeweils besonders gross ist!
Auch im Spital wechselt er die Abteilung. Nach der Geriatrie kommt er nun in die Psychiatrie. Die Arbeit dort ist anders. Die rein medizinische Dimension ist manchmal weniger sichtbar, dafür spielen zwischenmenschliche Beziehungen, Zuhören und Empathie eine noch grössere Rolle. Es ist sicherlich nicht der einfachste Bereich, wird aber für seine Ausbildung eine sehr wertvolle Erfahrung sein. In drei Monaten kehrt er wieder an die Schule zurück, bevor anschliessend ein weiterer Praxiseinsatz folgt, diesmal in der Chirurgie.
Und bei mir? Meine Woche begann wesentlich weniger spektakulär: mit einem Termin bei der Dentalhygienikerin. Eigentlich lief alles ganz gut, bis sie eine alte Füllung entdeckte, die nächste Woche ersetzt werden muss.
Nachdem ich in den vergangenen Jahren bereits mehr als genug Zeit in Arztpraxen und Spitälern verbracht habe, hätte ich meine Zähne eigentlich gerne in Ruhe gelassen. Leider scheinen auch sie beschlossen zu haben, sich am allgemeinen Renovationsprogramm zu beteiligen.
Am Dienstag besuchte ich meine Mutter und brachte ihr die Mitbringsel von Deniz: verschiedene Teesorten und Baklava.
Danach war mein Motorrad an der Reihe und bekam ebenfalls etwas Pflege. Nachdem es während mehr als drei Jahren praktisch stillgestanden hatte, ist nun ein umfassender Service unumgänglich. Unter anderem müssen die verschiedenen Flüssigkeiten gewechselt werden, insbesondere die Bremsflüssigkeit. Diese nimmt mit der Zeit Feuchtigkeit auf, was die Bremsleistung beeinträchtigen kann. Ausserdem muss Honda im Rahmen einer vom Hersteller vorgesehenen Massnahme ein Bauteil ersetzen.
Nach meinem Fuss, meinen Zähnen und nun auch noch meinem Motorrad scheint der September also ganz im Zeichen der allgemeinen Wartung zu stehen. Und damit das Programm auch wirklich vollständig ist, steht in zwei Wochen noch ein Termin beim Augenarzt an.
Mittwoch war jedoch der eigentliche grosse Tag der Woche: mein Kontrolltermin bei Professor Krause. Wie üblich begann die Konsultation mit den Röntgenaufnahmen. Nach all den Operationen, Komplikationen und Monaten der Immobilisation haben diese Bilder für mich inzwischen eine ganz besondere Bedeutung bekommen. Sie zeigen nicht mehr einfach nur Knochen, Platten und Schrauben. Für mich erzählen sie mittlerweile die Geschichte von mehr als drei Jahren meines Lebens.
Danach folgte das Kontrollgespräch mit dem Professor. Und dieses Mal war ich nach allem, was hinter mir lag, ganz besonders gespannt darauf zu erfahren, was die Bilder zeigen würden ... Der Termin begann mit den Fragen, die mittlerweile fast schon zur Routine geworden sind: «Haben Sie Schmerzen?» Ausnahmsweise konnte ich ganz einfach antworten: Nein. Nach allem, was in den vergangenen Jahren passiert ist, fühlt sich eine so kurze Antwort bereits wie ein kleiner Sieg an.
Ich habe jedoch auf ein weiterhin bestehendes Problem mit der Narbe hingewiesen. Seit der Operation Ende letzten Jahres hat mir diese Stelle immer wieder Schwierigkeiten bereitet. Sie ist nach wie vor besonders empfindlich und bei Berührung schmerzhaft. Im Moment schütze ich sie mit einem Verband, um Reizungen durch das Reiben der Socke zu vermeiden. Prof. Krause empfahl mir, dies weiterhin so zu machen. Zusätzlich verschrieb er mir Lymphdrainagen. Damit soll die Schwellung am Knöchel reduziert werden, die gegen Ende des Tages noch immer recht ausgeprägt sein kann.
Auf dem Röntgenbild war zudem ein weiterer Punkt zu erkennen, der beobachtet werden muss. Der untere Teil des Beins weist eine Neigung von ungefähr 10 Grad nach aussen auf. Dies erfordert momentan keinen unmittelbaren Eingriff, sollte aber langfristig kontrolliert werden. Der nächste Termin ist in drei Monaten vorgesehen. Insgesamt scheint der Chirurg mit der Entwicklung zufrieden zu sein. Und nach der medizinischen Odyssee der vergangenen Jahre ist die Nachricht, dass derzeit nichts dringend korrigiert werden muss, eine ausgezeichnete Nachricht.
Der vielleicht schönste Moment kam jedoch beim Verlassen der Klinik. Im Korridor traf ich zufällig auf Dr. Zimmermann, die Chefärztin, Frau Pietropaulo, die mir im Laufe der Jahre eine beinahe unzählbare Anzahl von Gipsverbänden angefertigt hat, sowie auf Dr. Flückiger.
Alle lächelten, als sie mich frei gehen sahen, ohne Krücken, ohne Orthese und ohne andere Gehhilfen. Ihre Reaktion war spontan und aufrichtig. Nachdem sie mich so lange immobilisiert, mit verschiedenen Hilfsmitteln oder auf Unterstützung beim Gehen angewiesen erlebt hatten, konnten sie mich nun endlich einfach nur eines tun sehen: gehen. Dieser kurze Moment im Korridor hat mich besonders berührt. Neben ihrer medizinischen Kompetenz habe ich einmal mehr ihre Empathie und ihr menschliches Engagement geschätzt, mit denen sie mich auf diesem langen Weg begleitet haben.
Nach all diesen Jahren, all den Operationen und all den Hilfsmitteln, die mein Bein auf diesem Weg begleitet haben, fühlt es sich letztlich ziemlich aussergewöhnlich an, eine Klinik wieder auf den eigenen zwei Beinen zu verlassen!




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