16. August 2026
- Philippe Selot

- vor 11 Minuten
- 4 Min. Lesezeit
Am vergangenen Wochenende strömten fast 900 000 Fans elektronischer Musik an die Ufer des Zürichsees, um an der Street Parade teilzunehmen, die als grösster Techno Event der Welt gilt. Mein letzter Besuch liegt neun Jahre zurück. Damals war ich gemeinsam mit meinem lieben Freund Ivo dort, der inzwischen leider verstorben ist. Auch zuvor hatte ich bereits mehrere Ausgaben der Street Parade besucht. Diese Erinnerungen nehmen deshalb einen besonderen Platz in meinem Herzen ein. Die Hitze war intensiv, die Menschenmenge beeindruckend und die Musik stark genug, um die Gebäude und vermutlich auch einige innere Organe zum Vibrieren zu bringen. Trotzdem ist mir dieser Tag in sehr guter Erinnerung geblieben. Besonders beeindruckt hatte mich die erstaunlich ruhige und friedliche Atmosphäre. Trotz der enormen Zahl an Menschen, die sich auf einem begrenzten Raum versammelten, waren die Teilnehmenden entspannt, respektvoll und einfach glücklich, dieses Fest gemeinsam zu erleben. Alle genossen die Musik, die Kostüme und diese einzigartige Energie, die Zürich für einen Tag in eine riesige Tanzfläche verwandelt.
Dieses Jahr habe ich es vorgezogen, das Fest im Fernsehen zu verfolgen. Im aktuellen Zustand meines Beins wäre es nicht besonders vernünftig gewesen, mich unter eine Menschenmenge von fast 900 000 Personen zu mischen. Deshalb genoss ich die Stimmung bequem von meinem Sofa aus. Dort war es wesentlich gemütlicher und das Risiko für meine Füsse deutlich geringer. Aber wer weiss? Wenn meine Genesung weiterhin so gut verläuft, kann ich vielleicht im nächsten Jahr wieder daran teilnehmen. Dann hoffentlich mit zwei guten Schuhen, viel Begeisterung und vorsichtshalber etwas Freiraum um mich herum.
Donnerstag, der 13., wird für mich ein wichtiges Datum bleiben. Zum ersten Mal seit meinem Unfall verbrachte ich einen ganzen Tag, ohne meinen orthopädischen Stiefel zu tragen.
Mehr als drei Jahre lang lernte mein linker Fuss fast jede denkbare Form von Schutz kennen: Gipsverbände, Orthesen und schliesslich diesen auffälligen Stiefel im Robocop Stil. Dafür hatte mein Fuss beinahe vergessen, wie es sich anfühlt, in einem normalen Schuh zu gehen.
Das Anziehen meines neuen Schuhs war deshalb ein ganz besonderer Moment. Er sieht wie ein gewöhnliches Modell aus, wurde jedoch speziell angepasst, um den Längenunterschied zwischen meinen Beinen auszugleichen. Diese Anpassung ist dezent und kaum sichtbar.
Meine ersten Schritte waren vorsichtig und etwas unsicher. Mein Körper musste sich an die neue Situation gewöhnen und sein Gleichgewicht wiederfinden. Nach so vielen Monaten des Schutzes schien mein Fuss beinahe überrascht zu sein, dass er plötzlich wieder normal arbeiten sollte. Glücklicherweise fühlte ich mich schon bald wohl. Ich hatte sogar den Eindruck, dass mein Robocop Stiefel nun offiziell in den Ruhestand getreten war.
Um dieses Ereignis zu feiern, lud ich Deniz in ein Restaurant auf den Anhöhen von Bern ein. Von dort genossen wir eine wunderschöne Aussicht auf die Umgebung. Ausnahmsweise hatte er am Freitag frei, weil er an mehreren Wochenenden sowohl samstags als auch sonntags gearbeitet hatte.
Der Abend hielt einen schönen Zufall für uns bereit. Unsere Servicemitarbeiterin stammte aus dem türkischen Teil Kurdistans, ungefähr drei Autostunden von der Region entfernt, in der die Familie von Deniz lebt. Die beiden kamen schnell ins Gespräch und unterhielten sich lange. Für einige Augenblicke fühlte sich dieses Berner Restaurant beinahe wie ein kleines Stück Dersim an.
Am Freitagmorgen fuhren wir erneut ins Gartencenter, um einige Gemüsepflanzen für unseren Garten zu kaufen. Anschliessend besuchten wir meine Mutter, wo Deniz den Rasen mähte. Das Wort «Rasen» ist inzwischen allerdings ziemlich optimistisch. Nach mehreren Wochen mit grosser Hitze und wenig Regen erinnert die Fläche eher an eine trockene Landschaft als an einen englischen Garten.
Danach verbrachten wir einige Stunden in unserem Gemüsegarten. Die Ernte war erneut grosszügig: weitere Kartoffeln, womit wir inzwischen insgesamt fast zwanzig Kilogramm geerntet haben dürften, gelbe und grüne Peperoni, grüne Bohnen sowie mehrere Auberginen. Das Giessen zu Beginn der Woche scheint ihr Wachstum gefördert zu haben.
Die Sonnenblumen beginnen hingegen, ihre Köpfe hängen zu lassen. Vermutlich fehlt ihnen Wasser, und ihre grossen Blüten sind für die Stängel zu schwer geworden. Dennoch bereiten sie den Bienen und Vögeln grosse Freude, die dieses reichhaltige Angebot ausgiebig nutzen.
In der kommenden Woche präsentiert meine Patentochter Ann ihre Werke an einer Vernissage. Sie besitzt ein echtes Talent fürs Zeichnen und denkt sogar darüber nach, ihre Stelle als Lehrerin auf der Sekundarstufe aufzugeben, um eine Kunstschule zu besuchen. Das wäre eine bedeutende und mutige Entscheidung. Ich freue mich darauf, ihre Werke zu entdecken und vor allem darauf, sie wiederzusehen.
Dass ich meinen Robocop Stiefel nicht mehr tragen muss, eröffnet mir zudem eine weitere Möglichkeit, die mir besonders am Herzen liegt: endlich wieder Motorrad fahren zu können.
Ich habe meine Rückkehr sorgfältig vorbereitet. Die Software meiner Gegensprechanlage, meines Navigationssystems und meines Motorrads habe ich aktualisiert. Für eine erste kurze Ausfahrt war alles bereit. Ich wollte lediglich zur Tankstelle fahren, um den Reifendruck zu kontrollieren und den Tank zu füllen.
Meine Begeisterung wurde jedoch vorübergehend durch ein unerwartetes Hindernis gebremst. Mein Nachbar hatte seinen Range Rover so präzise vor meinem Motorrad parkiert, dass ich es nicht mehr aus seinem Abstellplatz herausfahren konnte. Die gesamte Technik war auf dem neuesten Stand, der Fahrer war bereit, doch der Weg war bereits vor der Abfahrt versperrt.
Meine ersten Meter auf dem Motorrad müssen deshalb noch etwas warten. Meine Geduld wurde in den vergangenen Jahren stark auf die Probe gestellt. Einige weitere Tage sollte sie noch überstehen, auch wenn ich es kaum erwarten kann, wieder unterwegs zu sein.
Wieder normal, frei und ohne Hilfsmittel gehen zu können, ist ein Gefühl, das sich nur schwer beschreiben lässt. Seit meinem Unfall hatte ich eine solche Bewegungsfreiheit nicht mehr erlebt. Jeder Schritt bedeutet weit mehr als nur einen körperlichen Fortschritt.
Diese Entwicklung wirkt sich auch positiv auf meine Stimmung aus. Sie gibt mir meine Selbstständigkeit und mein Vertrauen zurück und eröffnet mir vor allem eine neue Perspektive für die Zukunft. Nach einer langen und schwierigen Zeit habe ich endlich das Gefühl, dass ein neues Kapitel beginnt. Dieses Mal hoffe ich, es mit normalen Schuhen an den Füssen und schon sehr bald mit den Händen am Lenker schreiben zu können.




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