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07. November 2025

  • Autorenbild: Philippe Selot
    Philippe Selot
  • 7. Nov.
  • 4 Min. Lesezeit

Seit ich pensioniert bin, gehöre ich zur Wandergruppe meines ehemaligen Arbeitgebers. Na ja... «gehöre» ist vielleicht etwas übertrieben: Mein verletzter Fuss erlaubt es mir nicht mehr wirklich, die steilen Pfade zu bewältigen. Aber ich bleibe der Gruppe treu und verfolge weiterhin ihre Abenteuer.


Eine Aktivität zu finden, die alle anspricht, ist nicht immer einfach. Deshalb habe ich vor ein paar Monaten eine etwas andere Idee vorgeschlagen: einen Besuch in Bern und im Bundeshaus. Zugegeben, das als «Wanderung» zu bezeichnen, ist etwas gewagt… aber in einem gewissen Alter kann auch flaches Gehen eine sportliche Leistung sein!


Ich hatte etwas Bedenken, dass das Thema nicht gerade Begeisterung auslösen würde – schliesslich besuchen die meisten Schweizer Schülerinnen und Schüler das Bundeshaus bereits einmal während ihrer Schulzeit. Doch zu meiner grossen Überraschung meldeten sich 28 Personen an. Perfekt! Da die Gruppen auf 30 Teilnehmende beschränkt sind, waren wir fast vollzählig.


Der Tag begann gemütlich mit einem Kaffee und Gipfeli im Restaurant Toi et Moi, das sich im Heim der Burgergemeinde Bern befindet. Eine gute Portion Koffein und Geselligkeit, bevor wir uns ins Herz der Schweizer Politik aufmachten.


Unterwegs nutzte ich die Gelegenheit, unsere Teilnehmenden an die verschiedenen Departemente und die sieben Bundesräte (Minister: innen) zu erinnern, die sie leiten. Es sind nur sieben, aber ehrlich gesagt: Selbst unter den Schweizerinnen und Schweizern können nur wenige alle ohne Zögern aufzählen…


Nach der obligatorischen Sicherheitskontrolle begann unsere Führung unter der Leitung einer begeisterten und humorvollen Führerin. Sie führte uns in die Kuppelhalle, ein monumentaler Raum voller Symbole über die Entstehung der Eidgenossenschaft und spannender Geschichten zum Bau des Gebäudes. Danach besuchten wir die beiden bedeutendsten Säle: den Nationalratssaal und den Ständeratssaal, wo sich die Vertreterinnen und Vertreter des Volkes und der Kantone versammeln.


Die Führung endete in der Wandelhalle – elegant und einladend zugleich, dient sie auch als Empfangsraum. Einige Tische und Sessel ermöglichen es den Parlamentariern, sich auszutauschen, Ideen zu diskutieren und wer weiss, vielleicht sogar Kompromisse zu finden.


Bevor wir das Bundeshaus verliessen, genossen wir den spektakulären Ausblick von der Terrasse über die Dächer Berns und die Aare, die sich durch die Stadt schlängelt, mit dem majestätischen Panorama von Eiger, Mönch und Jungfrau, dem berühmten Trio der Berner Alpen.


Der Rest des Tages war der Altstadt gewidmet, wo sich Geschichte, Architektur und gute Laune harmonisch verbanden.


Für meine Leserinnen und Leser, die die Bundesstadt noch nicht kennen, hier ein paar Eckdaten: Bern wurde 1191 vom Herzog Berchtold V. von Zähringen gegründet und trat 1353 der Eidgenossenschaft bei. Seit 1983 gehört die Altstadt dank ihres hervorragend erhaltenen mittelalterlichen Stadtbilds und ihrer rund 6 km langen Lauben zum UNESCO-Weltkulturerbe. Heute zählt die Gemeinde etwa 140'000 Einwohnerinnen und Einwohner, im Grossraum sind es rund 430'000.


Unsere Besichtigung begann in einem Patrizierhaus aus dem Jahr 1690, auf den ersten Blick unscheinbar, aber voller Geschichte. Es wurde für eine bedeutende Berner Familie erbaut und 1930 in ein Mietshaus umgewandelt. 1942 zog hier ein gewisser Allen Dulles ein, Agent des amerikanischen Geheimdienstes OSS (Vorläufer der CIA). Von dieser unscheinbaren Wohnung aus leitete er die Schweizer Sektion der Agentur und sammelte wertvolle Informationen während dem zweiten Weltkrieg über das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien. Nicht gerade alltäglich für ein Haus in der Berner Altstadt!


Auf dem Weg zum Bärengraben, wo wir das Mittagessen geplant hatten, bewunderten wir die eleganten Gebäude aus Sandstein, der typischen Berner Molasse, mit ihren blaugrünen Schimmern.


Aber warum eigentlich eine Bärengraben, wirst du fragen? Die Legende besagt, dass der Herzog von Zähringen beim Stadtgründungszug befahl, das erste Tier zu jagen, das ihnen begegnete. Es war ein Bär – daher der Name «Bern», abgeleitet von Bär. Zu Ehren dieses Tieres wurde eine Grube angelegt, die später zu einem Wahrzeichen der Stadt wurde (und keine Sorge – die heutigen Bären leben natürlich in einem viel besseren Gehege!).


Wir assen im Restaurant Altes Tram Depot, der ehemaligen Tramhalle, die heute eine gemütliche Brauerei ist, gleich neben dem Bärengraben. Die Bären schienen bereits in Winterstimmung, aber wir waren hellwach und genossen das hausgebraute Bier, ein feines Essen und den wunderbaren Blick auf die Aare.


Am Nachmittag setzten wir unseren Rundgang fort zum Rathaus, das 1406 erbaut wurde und heute Sitz der Kantonsregierung ist, und weiter zum Berner Münster, dessen Grundstein 1421 gelegt wurde. Es wurde an der Stelle einer ehemaligen romanischen Kirche errichtet und nach der Reformation 1528 protestantisch. Der Turm wurde 1893 vollendet und ist mit 100,6 Metern der höchste Kirchturm der Schweiz.


Unterwegs hielten wir vor der Wohnung von Albert Einstein, der von 1903 bis 1905 mit seiner Frau Mileva in Bern lebte. Damals arbeitete er beim Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum, wo er Patente prüfte. Er bezeichnete sich selbst scherzhaft als «Technischer Experte dritter Klasse». Und doch formulierte er genau dort die berühmte Gleichung E = mc², ein Beweis, dass grosse Ideen keinen grossen Schreibtisch brauchen!


Bevor meine Kolleginnen und Kollegen den Zug nach Thun, dem Ausgangspunkt unserer Wandergruppe, nahmen, bewunderten wir noch den Zytglogge, den berühmten Uhrturm. Ursprünglich 1218 als Wehrturm erbaut, wurde er nach dem grossen Brand von 1405 wiederaufgebaut. Heute beherbergt er eine astronomische Uhr, die die Position von Sonne, Mond und Sternen anzeigt. Zu jeder vollen Stunde setzt sich das mechanische Schauspiel in Bewegung: Hahn, Narr, Bärenparade, Chronos und Ritter erscheinen in perfekter Choreografie, ein faszinierendes Stück Berner Geschichte mit Humor.


Wir machten noch Halt vor weiteren historischen Gebäuden, bevor wir diesen schönen Tag abschlossen. Meine Kolleginnen und Kollegen waren begeistert: Es war vielleicht keine «Wanderung» im eigentlichen Sinn, aber ganz sicher ein wunderbares kulturelles und geselliges Erlebnis.


Und wer diesmal nicht dabei war: Ein guter Grund, Ende November wiederzukommen, am vierten Montag findet nämlich der legendäre Zibelemärit, der Berner Zwiebelmarkt, statt. Der Legende nach halfen nach dem grossen Brand von 1405 die Freiburger Bauern beim Aufräumen der Trümmer. Zum Dank erhielten sie das Recht, im Herbst ihre Zwiebeln in Bern zu verkaufen. Eine schöne Geschichte, auch wenn die Historiker sie als etwas ausgeschmückt betrachten… Heute zieht dieser Markt Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Schweiz, aus Deutschland und aus Frankreich an, ein Beweis, dass in Bern sogar Zwiebeln verbinden können!

ree


 
 
 

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