20. Mai 2026
- Philippe Selot

- 20. Mai
- 3 Min. Lesezeit
1106 Tage nach meinem Unfall im marokkanischen Hohen Atlas gleicht jeder medizinische Termin ein wenig einer Bergetappe: Man hofft stets, endlich den Gipfel zu sehen, während man gleichzeitig weiss, dass noch einige enge Kurven vor einem liegen. Mein heutiges Gespräch mit Professor Krause markierte genau einen dieser wichtigen Momente auf diesem langen Weg.
Nach einer erneuten Serie von Röntgenaufnahmen fällt die Beurteilung zugleich ermutigend und realistisch aus. Die erste gute Nachricht: Ich trage weiterhin den VACOPed, diese imposante Orthese, die mich seit sechs Wochen begleitet. Leider gibt es derzeit noch keine orthopädischen Schuhe, die hoch genug sind, um die Wade ausreichend zu stabilisieren. Für alle, die das System nicht kennen: Man kann sich das Ganze wie einen Gips vorstellen, der beschlossen hat, eine Karriere im militärischen oder robotischen Ingenieurwesen zu machen. Robust, effizient … aber ganz sicher nicht unauffällig.
Das Schienbein benötigt weiterhin eine Phase der Stabilisierung. Hingegen ist die Versteifung des Sprunggelenks inzwischen perfekt verheilt. Dadurch kann ich nun schrittweise wieder Gewicht auf den Fuss bringen, mit dem Ziel einer vollständigen Belastung. Die nächste Kontrolle ist für Mitte Juli vorgesehen.
Dieser Schritt symbolisiert einen echten Fortschritt. Doch wie so oft bei komplexen medizinischen Situationen zeigt jeder Fortschritt auch die Spuren des bereits zurückgelegten Weges.
Die Staphylokokken-Infektionen, welche mein Sprunggelenk in den vergangenen Jahren befallen haben, verursachten erhebliche Knochenschäden. Um das infizierte und abgestorbene Gewebe zu entfernen, musste ein Teil der Knochensubstanz entfernt werden, was zu einer Verkürzung meines linken Beines von mehr als zwei Zentimetern führte. Dieser Unterschied muss künftig durch angepasste Schuhe oder spezielle orthopädische Lösungen ausgeglichen werden. Andernfalls könnte die Differenz langfristig eine Skoliose verursachen. Ein Termin diesen Sommer beim Orthopädisten wird nun festlegen, welche Lösung am sinnvollsten ist.
Professor Krause nahm sich zudem Zeit, mir die langfristigen Folgen der Arthrodese sowie des eingesetzten «tibiotalokalkanearen» Nagels offen und ehrlich zu erklären. Das Sprunggelenk ist heute versteift, doch diese Stabilität bringt zwangsläufig gewisse funktionelle Einschränkungen mit sich.
Der Verlust der natürlichen Beweglichkeit des Gelenks verändert das Gangbild dauerhaft. Gehen erfordert heute deutlich mehr Energie, was schneller zu Ermüdung in den Waden, den Knien und manchmal sogar im Rücken führen kann. Treppen, insbesondere beim Hinuntergehen, werden technischer als früher, weil der Fuss die natürliche Abrollbewegung nicht mehr ausführen kann.
Auch unebene Untergründe stellen eine zusätzliche Herausforderung dar. Kopfsteinpflaster, Wanderwege, Schnee oder instabile Flächen verlangen heute ständige Aufmerksamkeit. Da der Fuss einen grossen Teil seiner Anpassungsfähigkeit verloren hat, wird das Gleichgewicht weniger intuitiv.
Auch die Wahl der Schuhe wird eine wichtige Rolle spielen. Besonders stabile Modelle, teilweise kombiniert mit sogenannten Abrollsohlen, können helfen, das Gehen zu verbessern und die Belastung auf benachbarte Gelenke zu reduzieren.
Selbst wenn der Eingriff als erfolgreich gilt, bleiben gewisse Restschmerzen oder belastungsbedingte Schwellungen häufig, insbesondere am Ende des Tages oder bei Wetterwechseln.
Die vollständige Heilung bleibt ein langer Prozess. Während die schrittweise Wiederaufnahme des Gehens relativ früh möglich ist, kann die innere knöcherne Konsolidierung noch zwischen sechs und zwölf Monaten benötigen. Mit anderen Worten: Der Körper schreitet manchmal deutlich langsamer voran als die Ungeduld des Geistes.
Die langfristigen Ziele bleiben dennoch klar:
Schmerzen reduzieren, die glücklicherweise inzwischen sehr selten geworden sind,
eine dauerhafte Stabilität gewährleisten,
eine zufriedenstellende Selbstständigkeit im Alltag ermöglichen,
und gleichzeitig akzeptieren, dass eine vollständig normale Beweglichkeit wahrscheinlich nicht mehr realistisch ist.
In vielen vergleichbaren Fällen erreichen Patientinnen und Patienten wieder eine weitgehend akzeptable Lebensqualität: normal gehen, Auto fahren, reisen, Fahrrad fahren oder moderate Wanderungen unternehmen wird wieder möglich. Bestimmte Einschränkungen bleiben jedoch häufig bestehen, insbesondere bei langen Märschen, intensiven sportlichen Aktivitäten, schwierigem Gelände oder langem Stehen.
Die Prognose hängt von zahlreichen Faktoren ab: Knochenqualität, Durchblutung, frühere Infektionen, Anzahl chirurgischer Eingriffe, Körpergewicht, Nikotinkonsum … aber vielleicht vor allem auch von der Geduld während der Rehabilitation. Geduld, die ich während dieses gesamten Weges bereits intensiv üben musste.
Denn in komplexen Situationen wird die psychologische Herausforderung manchmal beinahe schwerer als das orthopädische Problem selbst. Zu lernen, einen neuen Rhythmus, eine neue Beweglichkeit und gewisse dauerhafte Einschränkungen zu akzeptieren, verlangt ebenso viel mentale wie körperliche Arbeit.
Genau deshalb bleiben eine strukturierte Rehabilitation, realistische Ziele sowie ein gutes medizinisches und menschliches Umfeld entscheidend. Nach zehn Operationen und drei Jahren voller Komplikationen wird mir heute bewusst, dass Heilung nicht einfach bedeutet, einen Knochen zu reparieren. Sie bedeutet vor allem, Schritt für Schritt wieder zu lernen, vorwärtszugehen.
Ich konnte zudem die Einnahme von Medikamenten drastisch reduzieren. Die Neuropathie scheint inzwischen unter Kontrolle zu sein, und auch die durch die Antibiotika verursachten Verdauungsprobleme haben sich weitgehend normalisiert. Die Mineralstoffpräparate, die infolge der zahlreichen chirurgischen Eingriffe notwendig waren, konnten ebenfalls abgesetzt werden. Das einzige Medikament, das ich noch während eines Monats einnehmen muss, ist Kalzium zur Unterstützung der Knochenheilung und Dichtheit.
Das weitere Tragen dieses VACOPed hat diesen Tag nicht gerade erfreulicher gemacht! Die Wettervorhersage kündigt warme Tage an, was das Tragen dieses Geräts ziemlich unangenehm machen wird.








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