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06. Mai 2026

  • Autorenbild: Philippe Selot
    Philippe Selot
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Drei Jahre zwischen Atlas, Operationssaal und Hoffnung

 

Eigentlich hätte diese Geschichte von Motorradreisen handeln sollen.

 

Von staubigen Strassen in Marokko, endlosen Landschaften, kleinen Cafés irgendwo zwischen Atlasgebirge und Atlantik. Von meiner Honda Africa Twin, vom Unterwegssein und von jener besonderen Ruhe, die nur lange Reisen mit dem Motorrad vermitteln können.

 

Im Frühling 2023 war ich unterwegs nach Marokko. Nach Jahren des Planens, Verschiebens (COVID) und Wartens war endlich der Moment gekommen, dieses Abenteuer zu leben. Von Sète in Südfrankreich, fuhr ich der katalanischen Küste entlang an Bord der GNV-Fähre, die Balearen zeichneten sich am Horizont ab, und vor mir warteten Tanger, die Weite Nordafrikas und unzählige Geschichten.

 

Doch am 10. Mai 2023 änderte sich alles.

 

Im Hohen Atlas hielt ich kurz an, um einige Fotos zu machen. Kein riskantes Manöver, kein Motorradunfall, nur ein kurzer Moment in einer beeindruckenden Landschaft. Sekunden später lag ich nach einem heftigen Sturz gegen einen Felsen am Boden. Die Diagnose im Spital von Midelt: schwere Luxation des linken Sprunggelenks.

 

Damit fand meine Reise durch Marokko und meine geplante Rückkehr über Spanien, Portugal und Frankreich ein abruptes Ende. Und gleichzeitig begann eine andere Reise. Eine deutlich längere, schwierigere und ehrlich gesagt auch wesentlich härtere.

 

Heute, drei Jahre später, beschäftigt mich dieser Unfall noch immer.

 

Was zunächst nach einer komplizierten, aber behandelbaren Verletzung aussah, entwickelte sich zu einem jahrelangen medizinischen Marathon. Zehn Operationen folgten. Platten, Schrauben, Knochenaufbau, erneute Eingriffe. Dazu kamen zwei schwere Staphylokokken-Infektionen, eine Thrombose, Neuropathische Schmerzen und später sogar ein zusätzlicher Schienbeinbruch. Immer wieder gab es Hoffnungsschimmer, gefolgt von neuen Rückschlägen.

 

Mein Alltag verlagerte sich von Passstrassen und Reiseplanung in Monate, in denen sich das Leben auf Spitalzimmer, Physiotherapie und Kontrolltermine reduzierte. Man beginnt irgendwann, in Röntgenbildern zu denken und medizinische Begriffe zu verwenden, die früher völlig fremd waren. Gespräche über Schraubenlängen, Knochenfusionen und Heilungsverläufe werden plötzlich Teil des Alltags.

 

Doch Heilung ist nicht nur eine Frage der Medizin.

 

Wer über Jahre mit gesundheitlichen Problemen lebt, lernt Geduld neu kennen, die zähe, stille Form von Geduld. Jene, bei der kleine Fortschritte plötzlich zu grossen Erfolgen werden.

 

Und dennoch gab es in diesen drei Jahren weit mehr als nur medizinische Diagnosen.

 

Es gab Menschen, die mich getragen haben, wenn die eigene Energie fehlte. Meine Familie, Freunde und Wegbegleiter waren oft der eigentliche Halt in schwierigen Momenten. Besonders dankbar bin ich Deniz, der mich trotz seiner anspruchsvollen Pflegeausbildung immer wieder unterstützt hat. Zwischen seinem eigenen Alltag und den vielen Kilometern zwischen Olten und Bern fand er stets Zeit, mir zu helfen.

 

Auch René aus Köln spielte in dieser Zeit eine wichtige Rolle. Er organisierte Ausflüge nach Berlin und ins Phantasialand, besuchte mich regelmässig in Bern und half mir immer wieder dabei, den Kopf frei zu bekommen. Solche Gesten erhalten in schwierigen Zeiten ein ganz anderes Gewicht.

 

Auch das Schreiben meines Blogs wurde für mich zu einem wichtigen Anker. Wenn der Körper stillstand, blieb wenigstens der Blick für Geschichten, Licht und Perspektiven. Viele Texte und Bilder entstanden nicht einfach als Hobby, sondern als Verarbeitung dessen, was passiert war.

 

Natürlich gab es auch schwierige Momente ausserhalb des Spitals. Diskussionen mit Versicherungen, administrative Kämpfe und Situationen, in denen man sich manchmal mehr wie ein Dossier als wie ein Mensch fühlte. Doch selbst daraus lernt man etwas: wie wichtig Ausdauer, Klarheit und manchmal auch Humor sind.

 

Irgendwann kennt man die Abläufe eines Operationssaals beinahe besser als manche Hotelzimmer. Man spricht mit Chirurgen über Schraubenlängen und Knochenheilung, als wäre das ein normales Gesprächsthema. Und man freut sich plötzlich unglaublich darüber, wieder ein paar Schritte mehr gehen zu können. Man lernt, kleine Fortschritte zu feiern, als wären es grosse Siege.

 

Die letzten drei Jahre haben mein Leben verändert. Sie haben Freiheit durch Geduld ersetzt, Motorradstiefel durch Orthesen und spontane Reisen durch Rehabilitationsprogramme. Aber sie haben mir auch gezeigt, wie widerstandsfähig Menschen sein können. Sie haben vieles langsamer gemacht, vieles komplizierter, aber gleichzeitig auch den Blick geschärft für das Wesentliche. Ich bin heute nicht mehr derselbe Mensch, der damals Richtung Marokko aufgebrochen ist. Vielleicht vorsichtiger. Vielleicht geduldiger. Sicher bewusster.

 

Heute bin ich noch nicht dort, wo ich gerne wäre. Mein linker Fuss bestimmt weiterhin einen Teil meines Alltags. Die grosse Reise nach Marokko und darüber hinaus bleibt vorerst verschoben. Aber die Neugier, die Freude am Reisen und die Leidenschaft für Geschichten sind geblieben.

 

Vielleicht war die wichtigste Reise dieser letzten drei Jahre ohnehin nicht jene durch Marokko. Sondern die langsame, oft mühsame, aber unglaublich wertvolle Reise zurück ins Leben.

 

Und diese Reise geht weiter.

 

Allen, die auf die eine oder andere Weise Teil dieses Weges sind: ein herzliches Dankeschön.

 

Mein nächster Blogbeitrag erscheint am 10. Mai, dem dritten Jahrestag meines Unfalls. Mein nächster Termin beim Chirurgen ist am 20. Mai geplant!



 
 
 

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