2. April 2026
- Philippe Selot

- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
Heute, an diesem Karfreitag, läuft die Schweiz etwas langsamer. In den meisten Kantonen ist es ein Feiertag. Der Himmel ist klar, das Licht ist schön, aber die Luft bleibt kühl, einer dieser Frühlingsanfänge, die dazu einladen, nach draussen zu gehen. Um die Mittagszeit kommt Deniz an. Ohne Zeit zu verlieren, beginnt er im Garten zu arbeiten. Das Ziel des Nachmittags ist klar: die Beete für die Gemüsepflanzung vorzubereiten. Der Boden ist nach dem Winter noch dicht, beginnt sich aber langsam zu lockern. Erde umgraben, alte Wurzeln entfernen, die Oberfläche auflockern, Erde und Dünger (Hornspäne) hinzufügen, all das ist eine wichtige Grundlage für die nächsten Schritte. Er pflanzte Zwiebeln und Knoblauch. Das mindert den Wert dieses Tages keineswegs. Im Gegenteil. Wer heute vorbereitet, investiert in die kommenden Wochen. Und seien wir ehrlich: an der Sonne zu arbeiten, auch mit etwas kalten Fingern, ist immer angenehmer, als drinnen zu bleiben.
Letzten Donnerstag hatte ich meinen letzten Termin bei der Wundspezialistin, ein Schritt, der sich diesmal tatsächlich wie ein echter Fortschritt anfühlt. Seit einer Woche reicht ein einfaches Pflaster aus, um eine Narbe zu schützen, die, man muss es so sagen, einen etwas turbulenten Verlauf hatte. Der Grund? Ein Nahtfaden, der sich nicht einfach entfernen liess und den Heilungsprozess verlangsamt hat. Wie so oft zeigen gerade die kleinen Details ihre grosse Wirkung…
Seit einigen Tagen haben die neuropathischen Schmerzen in meinem Fuss zugenommen; sie sind teilweise sehr stark.
Der nächste Schritt steht bereits an: kommenden Mittwoch folgt der Termin beim Chirurgen, zuvor werden noch Röntgenaufnahmen gemacht, um zu überprüfen, dass alles korrekt sitzt. Wenn sich alles bestätigt, bedeutet das das Ende eines Kapitels und vor allem, nach drei Monaten, die lang ersehnte Befreiung vom Gips. Eine Trennung, die ich nicht bereuen werde… auch wenn wir uns inzwischen ziemlich gut kennengelernt haben.
Diese Erfahrung geht über den rein medizinischen Aspekt hinaus und erinnert mich an viele Situationen aus meinem Berufsleben. Ich hatte das Glück, inspirierende Menschen zu treffen, die mir geholfen haben, mich weiterzuentwickeln, effizienter zu werden und vor allem Erfüllung in meiner Arbeit zu finden. Ihre Haltung war konstruktiv, ihr Anspruch fördernd. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Doch wie in jeder Organisation gibt es auch die andere Seite: Verhaltensweisen, die starrer sind, manchmal realitätsfern oder sogar kontraproduktiv.
Die jüngsten Gespräche mit Deniz sind ein sehr konkretes Beispiel dafür. Sie erinnern an eine einfache Wahrheit: In jedem beruflichen Umfeld gibt es Kräfte, die vorantreiben, und andere, die bremsen. Deniz hatte kürzlich ein sehr konstruktives Gespräch mit der Schulleitung seiner Einrichtung. Im Zentrum stand eine wiederkehrende Situation mit einer Dozentin, die die geltenden Regeln zur Unterrichtssprache nicht einhält. In der Deutschschweiz ist der Rahmen klar: Ab der Sekundarstufe muss der Unterricht in Schriftdeutsch erfolgen. Dialekt hat seinen Platz im informellen Austausch und ist ein wichtiger Teil der Kultur, kann aber im schulischen Kontext die Unterrichtssprache nicht ersetzen.
Trotz dieses klar definierten Rahmens verwendet diese Dozentin weiterhin Dialekt im Unterricht. Teilweise geht die Situation noch weiter: Wenn Deniz sie darauf hinweist, in Standardsprache zu sprechen, reagiert sie mit sarkastischen Bemerkungen, die als abwertend wahrgenommen werden können. Sie begründet ihr Verhalten mit dem Wunsch, lokale kulturelle Besonderheiten zu bewahren. Diese Absicht ist nachvollziehbar und zeugt von einer Verbundenheit mit dem sprachlichen Erbe. Ihre Grenzen erreicht sie jedoch dort, wo sie im Widerspruch zu klar festgelegten offiziellen Vorgaben steht. Dieses Spannungsfeld ist vermeidbar. Es geht nicht darum, Kultur gegen institutionelle Regeln auszuspielen, sondern ein Gleichgewicht zu finden. In diesem konkreten Fall lassen die Regeln jedoch wenig Interpretationsspielraum – auch wenn der Dialekt manchmal spontaner wirkt als das Hochdeutsch.
Diese Situation erinnert mich an Erfahrungen aus der Unternehmenswelt. Als ich in einem deutschen Konzern tätig war, stiessen mehrere Mitarbeitende zu unseren Teams in der Schweiz. Aus Respekt und im Sinne der Klarheit haben wir in der beruflichen Kommunikation konsequent Hochdeutsch verwendet, selbst dann, wenn Dialekt im Alltag durchaus üblich war. Eine Frage der Professionalität, ganz einfach.
Der Austausch zwischen Deniz und der Schulleitung fand in einem konstruktiven und respektvollen Klima statt. Nun wird sich zeigen, inwieweit die Regeln im Alltag konsequent und nachhaltig umgesetzt werden. Letztlich geht es um mehr als nur um Sprache. Es geht um den Respekt gegenüber klar definierten Rahmenbedingungen, um die Qualität der Ausbildung und um Chancengleichheit für alle Studierenden. Niemand kann sich den Gesetzen entziehen – und genau diese Konsequenz sichert die Glaubwürdigkeit des gesamten Systems.
Diese Überlegungen stehen zudem in einem grösseren Zusammenhang. Wie in vielen europäischen Ländern steht auch das Gesundheitswesen in der Schweiz vor einem erheblichen Fachkräftemangel. Eine Volksabstimmung vor einigen Jahren hatte genau zum Ziel, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und die Attraktivität dieser wichtigen Berufe zu stärken.
In diesem Kontext kommt allen Beteiligten in der Ausbildung eine zentrale Rolle zu. Fachwissen zu vermitteln ist das eine. Begeisterung zu wecken, zu motivieren und einen Beruf aufzuwerten, ist ebenso entscheidend. Wenn eine Lehrperson diese Verantwortung aus den Augen verliert, stellt sich zwangsläufig die Frage nach ihrer Rolle.
Am Ende zeigt sich, ob in der Medizin, in der Bildung oder im Management: Qualität liegt oft im Detail und in der täglichen Haltung. Wenn schon ein einzelner Nahtfaden eine Heilung verzögern kann, kann auch eine unpassende Haltung mehr ausbremsen, als man denkt. Und letztlich ist es ganz einfach: eine Frage des Respekts.
Frohe Ostern euch allen!












Kommentare