07 Juni 2026
- Philippe Selot

- 7. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Der Freitag, 29. Mai, begann wie ein ganz gewöhnlicher Tag. Doch nur wenige Stunden später sollte eine sehr reale Erfahrung mehrere Fragen zur Organisation des Gesundheitswesens und zur Information der Patienten aufwerfen.
Gegen Mittag rief mich Deniz an und teilte mir mit, dass er nicht zur Schule gegangen sei. Starke Bauchschmerzen hinderten ihn daran, dem Unterricht zu folgen. Am späten Nachmittag entschied er sich, die Notaufnahme des Spitals Olten aufzusuchen, wo er übrigens auch seine Ausbildung im Pflegebereich absolviert.
Nach langer Wartezeit wurde eine Blutuntersuchung durchgeführt und er erhielt Schmerzmittel. Die Resultate zeigten bereits einen ungewöhnlich hohen Infektionswert. Eine Ultraschalluntersuchung konnte jedoch an diesem Tag nicht durchgeführt werden, da kein qualifizierter Mitarbeiter verfügbar war, der das Gerät bedienen konnte. Deshalb wurde für den folgenden Tag ein neuer Termin vereinbart.
Am Samstagnachmittag kehrte Deniz erneut in die Notaufnahme zurück. Wieder langes Warten. Wieder eine Blutuntersuchung. Diesmal waren die Entzündungswerte weiter angestiegen. Die Ärzte vermuteten nun eine Blinddarmentzündung.
Aus persönlichen Gründen wollte Deniz nicht in dem Spital operiert werden, in dem er arbeitet. Die Notfallärztin organisierte deshalb eine Verlegung ins Kantonsspital Aarau.
Mit zunehmend stärkeren Bauchschmerzen machte er sich per Bus und Zug auf den Weg nach Aarau. Bei seiner Ankunft, rund 45 Minuten später, wartete das medizinische Team bereits auf ihn. Der Chirurg, der ihn möglicherweise operieren würde, führte ein Gespräch mit ihm, um den Eingriff vorzubereiten.
Dann kam die Überraschung.
Der Chirurg erklärte ihm, dass seine Krankenversicherung die Kosten für einen Aufenthalt in diesem Spital höchstwahrscheinlich nicht übernehmen werde. Das Spital befindet sich in einem anderen Kanton als seinem Wohnkanton, und im Rahmen seiner Grundversicherung sind nur die Spitäler seines Wohnkantons gedeckt.
Diese Information hätte jedoch bereits zu Beginn mitgeteilt werden können. Das Spital Olten verfügte über alle notwendigen Angaben, um den Versicherungsschutz zu überprüfen und Deniz vor der Verlegung in einem anderen Kanton entsprechend zu informieren.
Angesichts dieser Situation entschied sich Deniz, nach Olten zurückzukehren. Dort wurde schliesslich eine Computertomographie durchgeführt, die die Diagnose eindeutig bestätigte: akute Blinddarmentzündung.
Als er fragte, weshalb er nach Aarau überwiesen worden sei, ohne über die möglichen finanziellen Folgen informiert zu werden, erhielt er eine Antwort, die zumindest erstaunte: «Der Chirurg hat eine medizinische Ausbildung, aber keine Ausbildung als Versicherungsspezialist.»
Eine Bemerkung, die beinahe zum Schmunzeln verleiten könnte, wären die möglichen Konsequenzen für den Patienten nicht so real.
Inzwischen war es bereits 23 Uhr. Man empfahl ihm daraufhin, das Spital Solothurn aufzusuchen, ein modernes und hervorragend ausgestattetes Krankenhaus. Ein ausgezeichneter Vorschlag, allerdings gab es zu dieser Uhrzeit keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, um dorthin zu gelangen.
Er kehrte deshalb nach Hause zurück und stellte sich am Sonntagmorgen im Spital Solothurn vor.
Wenige Stunden später wurde er mittels Laparoskopie operiert. Gegen 13.30 Uhr erhielt ich einen Anruf des Chirurgen. Alles war problemlos verlaufen. Die Operation war erfolgreich.
Als ich ihn am Sonntagnachmittag besuchte, war Deniz bereits gut erholt, auch wenn die Nachwirkungen der Narkose ihn noch etwas entrückt erscheinen liessen.
Am darauffolgenden Dienstag konnte er nach Hause zurückkehren. Ihm wurden zwei Wochen Ruhe verordnet. Unglücklicherweise fiel diese Zeit mit den Prüfungen zum Abschluss seines ersten Ausbildungsjahres zusammen. Glücklicherweise wurde eine Lösung gefunden, und er wird die Prüfungen absolvieren können, sobald sein Gesundheitszustand dies erlaubt.
Diese Erfahrung zeigt einige Besonderheiten des schweizerischen Krankenversicherungssystems auf.
Jeder Bürger kann seine Krankenkasse frei wählen. Die Leistungen der obligatorischen Grundversicherung sind in der ganzen Schweiz identisch, unabhängig von der Versicherungsgesellschaft. Dennoch können die Prämien je nach Versicherer, Alter oder Wohngemeinde stark variieren.
Hinzu kommen zahlreiche Zusatzversicherungen, die unter anderem die freie Spitalwahl ermöglichen. Im Fall von Deniz hätte diese Option rund CHF 4.00 pro Monat gekostet. Ein bescheidener Betrag im Vergleich zu den administrativen Komplikationen, die entstehen können, wenn ein solcher Versicherungsschutz fehlt.
Diese Situation verdeutlicht ein typisch schweizerisches Paradox. Obwohl die Schweiz über eines der leistungsfähigsten und zugleich teuersten Gesundheitssysteme der Welt verfügt, sind die Regeln zur Kostenübernahme teilweise komplex, schwer verständlich und für Patienten oft unzureichend erklärt.
Das Wichtigste bleibt jedoch, dass es Deniz heute sehr gut geht und er sich rasch erholt.
Als wäre die Geschichte nicht bereits ereignisreich genug gewesen, war am Freitagabend plötzlich ich selbst an der Reihe und wurde von starken Bauchschmerzen geplagt.
Da mir der Blinddarm bereits während meiner Schulzeit entfernt worden war, konnte diese Diagnose glücklicherweise rasch ausgeschlossen werden. Die Schmerzen nahmen jedoch schnell zu. Erbrechen, Fieber und Schüttelfrost vervollständigten das Bild. Die Nacht war äusserst unangenehm.
Am Samstagmorgen war nur eine geringe Besserung spürbar. Deshalb entschied ich mich, die medizinische Telefonberatung zu kontaktieren. Nach einer gefühlten Ewigkeit in der Warteschleife, die mir reichlich Zeit gab, über den Sinn des Lebens nachzudenken, erreichte ich schliesslich eine Beraterin. Nach wenigen Fragen zeichnete sich die wahrscheinlichste Diagnose rasch ab: eine virale Magen-Darm-Grippe.
Diese Vermutung wurde kurz darauf von Rita-Maria bestätigt, die mir mitteilte, dass mehrere ihrer Arbeitskollegen unter genau denselben Symptomen litten.
Wie bereits bei meinem Fuss in den vergangenen drei Jahren lautete auch diesmal die wichtigste Verordnung: Geduld.
Im Verlauf des Tages besserte sich mein Zustand langsam. Trotz mangelndem Appetit ernährte ich mich von Suppen, Griess und grossen Mengen Tee. Nach einer deutlich ruhigeren Nacht erwachte ich am Sonntagmorgen in wesentlich besserer Verfassung.
So hatte ich mir meinen 68. Geburtstag zwar nicht vorgestellt.




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